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Matze

amateur d' art

  • »Matze« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 413

Wohnort: Bad Mülheim

Beruf: Frührentner

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Samstag, 14. Juli 2018, 08:53

Ein Kunst- und Lebenswerk, zusammengeschweißt aus Authentizität

Die Prosa mutet bisweilen wie ein sprachliches
Bildbelichtungsverfahren an, durch das etwas wie eine ‚Poesie der letzten
Bilder‘ entsteht. Weigoni erschließt eine Sinneskulture und erkundet die
Wissenstopographie des Rheinlands. Dieser Romancier beobachtet scharf und
unaufdringlich. Seine dem Leben abgelauschten Figuren hat er mit sonderlichen
sprachlichen Eigenheiten und Marotten ausgestattet, ihnen groteske Attribute
und sprechende Namen verliehen, in denen sich Charaktereigenschaften und
physiognomische Merkmale aufs Tragikomischste abbilden. Entstanden ist so eine
Ansammlung der verschrobensten Gestalten des Rheinlands, die Komik entsteht
nicht auf Kosten dieser Population, sondern transportiert sich mit ihrer Hilfe.
In puncto Format, Personnage, Darreichungsform und Stil sitzt bei Weigoni der
rheinische Maßanzug wie angegossen.


Hier findet eine Art von Heimatkunde statt, die nicht auf dem
Lehrplan für die erste Stufe des Geographie- und Geschichtsunterrichts steht.
Heimat ist etwas ist, das man sich selbst schaffen muss, sie wird für die
Rheinländer erst zu einem Wert, wenn Ferne oder Exil als ein drohendes
Schicksal oder als ein realisierbarer Alptraum aufscheint. Die Frage ist, ob wahre
Heimat immer eine Heimat der Geburt, der Wurzeln oder des Ursprungs sein muss
oder ob auch eine Wahl-Heimat nicht eigentlich eine authentische Heimat sein
kann. Die Do-it-yourself-Haltung von Punk verband sich etwa auf der
Ratinger-Straße mit Hedonismus und Ironie, mit linkem Bewusstsein und
Theorieseligkeit. Im Schatten der Kunstakademie verschwendete man seine Jugend
und sonnte sich im Bewusstsein des eigenen guten Geschmacks. Sprachkritik,
Sprachzersetzung, Sprachexperiment und Sprachspiel sind die Mittel, durch die
dieser Schriftsteller vom Rande des Kulturbetriebs her die Tradition angreift,
was die Invasion des Imi durchaus nahelegt. Dieser Romancier tritt ganz
hinter seine Figuren zurück, seine Gabe der Stimmenimitation ist furios. Mit
den Lokalhelden erforscht er die Mythologie des Rheinland, die
fiktive, phantasmagorische zweite Haut, die über der Haut des Realen flimmert.
Das physische Rheinland, das Weigoni beschreibt, ist durch die Globalisierung
verloren gegangen, das macht das gespensterhafte Überdauern dieser Geografie
nur umso unheimlicher. Das Buch ist eine herrliche Miscellanea, in welchem
Kapitel immer man blättert, liest man sich gleich fest. Dieses literarische
Gemisch ist bei aller Vielschichtigkeit trotzdem relativ gut lesbar. Allerdings
hat man zwischendurch immer wieder den Eindruck von verloren gegangenen
Handlungssträngen, Figuren, die nicht mehr auftauchen und kleinen Geschichten,
deren Ende man niemals erfahren wird. Es werden zahlreiche Stile, Erzählstränge
und Perspektiven miteinander verknotet, gegenseitig gespiegelt und zu
konterkariert. Diese Lokalhelden mischen sich tief in die Wirklichkeit
des Leserlebens. Das Rheinland ist ein Labyrinth in dem sich jeder auskennt.
Dieser Roman ist ein zeitkritisches Sittengemälde. Das Gesehene entstammt dem
Alltag, zeigt ihn anders als gewohnt, während die Texte die Bilder durch
Verweise auf Historie, Literatur oder Erlebnisse unterfüttern. In einem breit
angelegten Wimmelbild erzählt Weigoni diese Wegmarken nicht chronologisch,
sondern eher archäologisch.


Wir dürfen nie vergessen, daß das, womit wir argumentieren, nicht
unsere wirkliche Literatur ist, Literatur ist immer das, was sich dem
konkreten Zugriff entzieht. Literatur hat den Deutschen nach dem 2. Weltkrieg
den Mut geschenkt, hat der Stimme der Bürger ein Forum gegeben oder hat das,
was als Bevölkerung gedacht war, neu formuliert. So wie das Theater, die
bildenden Künste und die Musik versucht die Literatur, die Innenwelt des
Menschen greifbar und spürbar zu machen - vor allem akzeptierbar. Wenn es die
Literatur und die schönen Künste nicht gäbe, wären die Deutschen innerlich
wahrscheinlich total verzweifelt und sehr einsam. Sie hätten keinen Kanal, um
ihre Innenwelt sprechen zu lassen. Dieser Romancier verarbeite bereits in
seinem ersten Roman Abgeschlossenes Sammelgebiet die Gesellschaft, die ihn
umgeben, als wäre sie das Glossar ihrer Ära. So besehen ist sein zweiter Roman
gleichfalls ein Epochenroman, auch wenn er lediglich das sogenannte
‚Scharnierjahrzent’ zwischen dem 9. November 1989 und dem 9. September 2001
umfaßt. Die Idealisierung der Vergangenheit ist meistens nicht mehr als
infantiles Wunschdenken, mit dem man sich um die Verantwortung für sein Leben
zu drücken versucht. Die imperiale Lebensweise beruht im rheinischen Kapitalismus
auf einer Art gesellschaftsstabilisierendem Kompromiss zwischen den Interessen
der Herrschenden und breiteren Schichten der Bevölkerung. Die sie
kennzeichnende Art des Produzierens und Konsumierens ist tief in das allgemeine
Bewußtsein, die alltäglichen Verhaltensweisen und die Subjektprägungen
eingeschrieben. Sie beruht darauf, daß ihre zerstörerischen Folgen auf andere
Regionen der Welt verlagert werden. Nostalgie ist auch deshalb gefährlich, weil
man dazu neigt, die eigene Erfahrung zu generalisieren. Als ‚die beste Ära’
gilt dann meistens die Zeit, in der man selber jung war. Lokalhelden ist
kein abgeklärtes Spätwerk, sondern ein Buch der Unruhe, in dem es pocht, tickt
und raschelt, in dem die neuen Wahrheiten als Widergänger der alten auftreten und
die alten Wahrheiten bei sinkender Sonne auf ihren Bestand hin befragt werden.
Die Fermente guter Lektüre wirken langsam.




+++


Lokalhelden, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, Mülheim
2018 - Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.
In der Bedeutung des Lehnworts aus dem Französischen, wo der "amateur d' art" den kenntnisreichen, enthusiastischen Liebhaber der Künste meint, bin ich ein Dilettant.

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