Wenn's zum Verständnis oder zur richtigen Beurteilung beiträgt ...?

Ich weiß, daß einige Kinder sich schon über das Wort "Neger" beschwert haben, weil es eben heute negativ belegt ist und sie ihren Jim Knopf nicht entsprechend bezeichnet wissen wollen. Was ich von Frau Dr. Kristina Schröder halte, die öffentlich zu Protokoll gegeben hat, das Wort "Neger" beim Vorlesen durch einen anderen passenden Begriff zu ersetzen, sag' ich trotzdem nicht. Mit dem "Südseekönig" bei Pippi Langstrumpf kann ich ganz gut leben, und auch der abgeänderten Neger-Verkleidung bei der "Kleinen Hexe" sehe ich ziemlich gelassen entgegen. Bei Jim Knopf fürchte ich dagegen um den etwas trockenen Witz der Buchvorlage, immerhin nimmt Michael Ende mehrere Male humorvoll Bezug auf das "Negerbaby" Jim und Lukas, der aufgrund seiner Tätigkeit als Lokomotivführer, die offensichtlich in Anlehnung an die später eingeführte Ich-AG auch die Tätigkeit des Kohlenschauflers einschließt, ebenfalls über eine schwarze Hautfarbe verfügt
Wobei ich persönlich es schöner fände, wenn man den Kindern ein bißchen mehr zutrauen würde. Worte oder Bezeichnungen stehen lassen, auf daß die Kinder sie hinterfragen und möglicherweise etwas mehr über ihre Sprache und deren Entwicklung lernen, wäre vielleicht eine Spur konsequenter und würde im idealen Fall auch vermeiden, daß sie Deutsch beim Chillen an Currybude von ihrem sackkraulenden Homie gelernt kriegen tun, was echt krass Verbrechen is an Mudderspraak, weissu.
Umgekehrt - Sprache und Inhalte diverser Bücher wurden im Laufe der Zeit ohnehin immer wieder angepaßt, das reicht von Karl May bis zu den Grimmigen Brüdern ...
Kennt jemand den ersten Absatz des "tapferen Schneiderleins" im ursprünglichen Original? Ich kenne da nur bearbeitete Versionen, vielleicht auch völlig zurecht ...
*räusper*
An einem Sommermorgen saß ein Schneiderlein auf seinem Tisch am Fenster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauersfrau die Straße herab und rief: »Gut Mus feil! gut Mus feil!«
"Feil" klingt fürwahr positiv. Gerade, wenn Schneewittchens Stiefmutter "Gute Ware feil!" rufend durch die Lande zieht. Tatsächlich heißt's aber nur "zu kaufen" oder "käuflich". Wenn jemand feil-scht, (ver)handelt er, wenn jemand Maulaffen feil-hält oder etwas feil-bietet, bietet er etwas zum Kauf an, möchte er verkaufen. Bitte nicht verwechseln mit "wohlfeil", das is' "billich". Wer hat's so gelesen oder von seinen Eltern gelernt?
Das klang dem Schneiderlein lieblich in die Ohren, er steckte sein zartes Haupt zum Fenster hinaus und rief: »Hier herauf, liebe Frau, hier wird Sie ihre Ware los.« Die Frau stieg die drei Treppen mit ihrem schweren Korbe zu dem Schneider herauf und mußte die Töpfe sämtlich vor ihm auspacken. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: »Das Mus scheint mir gut, wieg Sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn's auch ein Viertelpfund ist, kommt es mir nicht darauf an.«
Ein Lot sind ca. 16 Gramm; es gab unterschiedliche Normen, weshalb sich später die Einheit Gramm eingebürgert hat. Vier Lot sind also ca. 65 Gramm, ein Viertelpfund 125 Gramm. Wer hat's so gelesen?
Schneider waren früher arme Leute und meistens - daher auch die Assoziation - spindel-dürr, von daher findet man in vielen Geschichten die Verkleinerungsform, wenn von ihnen die Rede ist. Dicke Schneider sind eine absolute Ausnahme. Früher ging auch das Sprichwort um, "ein Schneider [habe] nicht mehr als 30 Lot" (ca. 480 Gramm). Wenn man beim Skatspiel mehr als 30 Punkte zusammen bekommt, ist man somit "aus dem Schneider", diese Definition von "aus dem Gröbsten bzw. fein raus" wurde dann auch außerhalb des Skatspiels eine eigenständige Redewendung, wobei auch die Bedeutung "über 30 Jahre alt sein" kursierte. Wer hat's so von seinen Eltern gelernt?
Die Frau, welche gehofft hatte, einen guten Absatz zu finden, gab ihm was er verlangte, ging aber ganz ärgerlich und brummig fort.
Wenn man weiß, daß Schneider im Ruf standen, nicht viel zu essen, und daß unserer wirklich nur Mus für ein oder zwei Brotaufstriche von der Frau abgekauft hat, kann man diesen Frust einerseits verstehen, fragt sich aber andererseits, was sie sonst anders erwartet hat. Verstecktes Augenzwinkern dieses Märchens. Wer hat's so gelesen?
»Nun, das Mus soll mir Gott gesegnen,« rief das Schneiderlein, »und soll mir Kraft und Stärke geben,« holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. »Das wird nicht bitter schmecken,« sprach er, »aber erst will ich den Wams fertig machen, ehe ich anbeiße.« Er legte das Brot neben sich, nähte weiter und machte vor Freude immer größere Stiche.
Er schludert. Auch das ein Klischee, das den Schneidern anhaftete: sie nähen zu Beginn oder dort, wo es auffällt, sauber, später allerdings versuchen sie, Material oder Arbeitszeit zu sparen und machen die Stiche größer oder vergessen schon mal die eine oder andere Naht. Ein Zeichen dafür, daß es mit dem Arbeitseifer des Schneiderleins nicht sonderlich weit her ist.
Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, sodaß sie herangelockt wurden und sich scharenweise darauf niederließen. »Ei, wer hat euch eingeladen?« sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein deutsch verstanden, ließen sich nicht abweisen, sondern kamen in immer größerer Gesellschaft wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach einem Tuchlappen,
Woher holt es den Lappen? Aus der "Hölle", so nennt man den meist chaotischen Teil unterhalb des Arbeitsplatzes des Schneiders (gewissermaßen "die Unterwelt"), hier: er griff sich aus dem Gewühl, das sich unter dem Tisch befand, nach einem Tuchlappen. Wer hat's so gelesen und erklärt bekommen?
und »wart, ich will es euch geben!« schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. »Bist du so ein Kerl?« sprach er, und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern, »das soll die ganze Stadt erfahren.« Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: »Sieben auf einen Streich!« »Ei was, Stadt!« sprach er weiter, »die ganze Welt soll's erfahren!« und sein Herz wackelte ihm vor Freude wie ein Lämmerschwänzchen.
Genau so war's.
Meistens wird der erste Absatz drastisch verkürzt. Damit die Kinder keine Fragen stellen ... ist aber auch wirklich uninteressantes Zeugs, das man sich bei dieser Gelegenheit als Erklärung anhören darf ...
Gruß
Skywise