Ich bin gerade mitten in einem Buch über die 60er Jahre und die Entwicklungen, die zum Jahr 1967/68 geführt haben. Da es aus 1975 stammt, dachte ich, es könnte ganz interessant sein, immerhin waren die Wellen zum Zeitpunkt des Erscheinens gerade erst wieder zaghaft abgeflacht; tatsächlich ist es weder sonderlich interessant noch originell, es kommt mir sogar sehr oberflächlich vor, so als ob der Autor nicht verstanden hätte, was sich damals so alles in Bewegung gesetzt hat, daher bleibt das Buch an dieser Stelle hier unerwähnt.
Auffällig allerdings war ein Nebensatz über die "Regeln von Tante Lisbeth", zu denen die jungen Damen der damaligen Zeit nicht mehr zurück wollten oder konnten. Mir war schon klar, was die "Regeln von Tante Lisbeth" sein könnten, über so viel Vorstellungskraft verfüg' ich, aber aus einer Laune heraus hab' ich Tante Google nach ihr gefragt - wider Erwarten hat sich mir Tante Lisbeth offenbart in Form eines "Anstandsbüchleins für junge Mädchen" aus dem Jahr 1908. Als Verfasserin wird "Tante Lisbeth" genannt, wobei ich davon ausgehe, daß es eine Sammlung einzelner Artikel unterschiedlicher Verfasserinnen ist, die hier unter einem ... nennen wir's mal "Verlagspseudonym" zusammengefaßt wurden. Reiner Spekulatius.
Das Buch ist mittlerweile gemeinfrei, sprich: frei von Urheber- und Verwertungsrechten, und
hier, wenn auch leicht fehlerhaft aufgrund falsch interpretierter Buchstaben (es dürfte in Fraktur gesetzt worden sein, daher wird manchmal s und f verwechselt, manches ck wird zum t etc.) zu finden.
Ich hab' das Büchlein heute mal in einem Rutsch durchgelesen (ist nicht sonderlich lang). Stöbern in fremden Gefielden

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Wenn man sich überlegt, daß diese Zeit gerade mal 100 Jahre her ist, ist die Entwicklung allerdings durchaus bemerkenswert.
Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß Tante Lisbeth nur bedingt so was wie eine "alte Jungfer" zu sein scheint. An einigen Stellen widerspricht sie sehr deutlich, teils mit spöttischem Unterton, den Regeln, die wahrscheinlich zu ihrer eigenen Mädchenzeit Ende des 19. Jahrhunderts zelebriert wurden. Insofern hat sie durchaus progressive Gedanken, aber selbst das reichte nicht aus, das Anstandsbüchlein in die heutige Zeit zu retten
Als Zielgruppe für ihr Anstandsbüchlein setzt Tante Lisbeth Mädchen fest, die aus dem Pensionat (Internat/Mädchenschule) ins Elternhaus zurückkehren. Ich bin anhand dieser Beschreibung mal davon ausgegangen, daß die Opfer etwa 16 jahre alt sein dürften, vielleicht ein oder zwei Jahre jünger oder älter, wenn sie sich in der Schule entsprechend anstellten oder früher nach Hause zurückgeholt wurden.
Pröbchen gefällig?
Auf der Promenade und in öffentlichen Lokalen.
Junge Mädchen müssen auf der Promenade ganz besonders auf ihre Haltung achten; sie werden gewöhnlich schärfer beobachtet als andere Leute.
Allein spazieren zu gehen, ist unstatthaft; auch macht es keinen guten Eindruck, wenn man dich auf der Promenade lesend oder mit einer Handarbeit findet.
Lasse dich auch niemals allein auf den Bänken einer Promenade nieder.
Tante Lisbeth will ja auch was zu tun haben, und sei's als Anstandswauwau.
Vermeide jede zu auffallende Kleidung, wenn auch die Toilette auf der Promenade eine gewähltere sein sollte als auf der Straße. Zu den
öffentlichen Lokalen
rechne ich hier Kaffeehäuser, Restaurationen und Gartenwirtschaften, Konzert- und Theatersäle.
Im allgemeinen soll ein junges Mädchen Restaurationen und Gartenwirtschaften allein nicht besuchen. Sollte es geschehen, so suche man das Damenzimmer auf, welches heute die meisten öffentlichen Lokale besitzen.
Damenzimmer gibt's auch heut' noch.
Bildquelle: Huffington Post
Frauenzimmer sind übrigens was Anderes *anmerk*.
Ist jedoch keines vorhanden, so wähle einen bescheidenen Platz; nie darfst du dich an einem Tisch niederlassen, der ausschließlich von Herren in Beschlag genommen wird. Eine Handarbeit ist hier wie überhaupt in allen mehr geschlossenen Anlagen gestattet.
Es gibt jedoch Damen, die den Fleiß zu weit treiben. Ich halte es nämlich für ein schlechtes Kompliment für Redner oder Orchester, wenn während eines Vortrages oder eines Konzertes die Aufmerksamkeit der Damen sich hauptsächlich auf ihre Handarbeit konzentriert.
Treten Bekannte, und zwar ältere Herren oder Damen ein, so müssen junge Mädchen sich halb erheben; beim Vorübergehen jüngerer Herren und Damen bleiben sie sitzen.
Man erwartet mit Recht von dir, daß du Damen und älteren Herren, wenn es an Platzen mangelt, deinen Stuhl anbietest. Eine Weigerung lasse hier nicht gelten.
"Meiner!"
In öffentlichen Lokalen und Anlagen gebühren die besten Plätze stets den älteren Personen; verzichte also stets darauf, auch wenn es mit persönlichen Opfern, z.B. dem Aufgeben einer schönen Aussicht oder mit kleinen Unannehmlichkeiten verbunden ist.
Wird dir in Gesellschaft älterer Damen besondere Rücksicht erwiesen, so zwar, daß deine Begleiterin sich mit Recht zurückgesetzt fühlen muß, so lehne selbst jeden Dienst höflich ab, denn die älteren Damen haben auf jeden Fall die ersten Rechte.
Die Damen ab 40 also
Was Konzert und Theater angeht, so verliere nicht aus dem Auge, daß du nicht hingehst, am deine Neugierde zu befriedigen, dich an Publikum und Toiletten satt zu sehen, sondern um einen Kunstgenuß in dich aufzunehmen. Dies bedingt allein schon, daß du nur Aufführungen beiwohnst, die dir einen solchen verbürgen.
Sei stets pünktlich da; du teilst ja nicht die Ansicht jener, die das leidige »Zuspätkommen« für vornehm halten. Ich sehe eher einen Mangel an Rücksicht darin, denn wir stören gewöhnlich einen oder mehrere der Festteilnehmer.
Ist dein Platz nicht leicht zu erreichen, so entschuldige dich bei jedem, den du belästigen oder der sich deinetwegen bemühen muß.
In größeren und feineren Konzert- und Theatersälen erscheinen die Damen gewöhnlich ohne Hut. Handschuhe jedoch sind hier so streng vorgeschrieben wie für Straßen, Promenade und jedes öffentliche Lokal.
Während der Vorstellung wende deine Aufmerksamkeit der Szene zu; Plaudern und Lachen ist dann nicht am Platze.
Gute alte Zeit *schwelg*
Belästige auch andere nicht mit Fragen über Textbuch, Schauspieler usw. – warte damit bis zu der Pause. Doch nie darfst du solche allgemeine Erkundigungen bei fremden Herren einziehen. Wird dir eine Auskunft angeboten, so nimm sie freundlich hin.
Geräuschvolles Beifallklatschen überlasse lieber den Herren. Auch mustere in den Pausen nicht allzu häufig das Publikum durchs Opernglas; bei den meisten erweckt es ein peinliches Gefühl, sich so fixiert zu wissen.
Das Begrüßen der Bekannten und Freunde gehört in die Pause; begnüge dich vorher mit einer leichten Verbeugung.
Selbstredend darf während der Vorstellung nicht gegessen und getrunken werden; während der Pause magst du ein kühlendes Bonbons oder dergl. zu dir nehmen.
Zum Schlusse dieses Abschnittes darf Tante Lisbeth sich wohl die Bemerkung erlauben, daß sie bei jungen Mädchen den allzu häufigen Besuch des Theaters nicht gern sieht. Solche Vergnügen sind um so wertvoller, je seltener sie genossen werden. Auch rate ich, über die betreffenden Stücke sich im voraus wenigstens in etwas zu orientieren: ein klassisches Drama vorher z.B. zu lesen. Das Verständnis wird alsdann um so großer und leichter sein.
[...]
Ich erwähnte schon, daß Handschuhe im Konzert und Theater unerläßlich sind. Die ganze Toilette muß überhaupt sein und elegant sein, jedoch, wie ich stets betone, nicht übertrieben. Sie richtet sich ab und zu nach den Plätzen. Ich würde jungen Mädchen zu weißen oder hellen Kleidern raten, oder wenn dies nicht immer möglich, wenigstens zu leichten Blusen von weißer oder sehr heller Seide, wie sie heute in so reicher Abwechslung und geschmackvoll hergestellt werden.
Über die Geschmacksverirrung des »Halbärmels« – die sich wohl wieder schnell verlieren wird, will ich schweigen, und nur bemerken, daß die Handschuhe eine dementsprechende Länge haben müssen.
Tantchens Glaskugel.
Schon wollte ich diesen Abschnitt schließen, als mir etwas einfiel, was ich für recht hier am Platze halte. Ich meine den Gebrauch der Parfüms. Einige junge Mädchen haben die Gewohnheit, sich gerade dann, wenn sie ausgehen wollen, mit Wohlgerüchen förmlich zu begießen. Und doch, wie unangenehm kann das für andere werden! Vermeide alle scharfen, penetranten Gerüche wie Moschus, Patschuli usw., da sie einigen Personen heftiges Kopfweh verursachen können. Von anderen leichteren Essenzen nimm, wenn es denn sein muß, nur wenig, nicht, daß man deine Anwesenheit schon auf 20 Schritte merken kann. Der angenehmste und kräftigendste Wohlgeruch ist Eau de Cologne; dazu würde ich auch am ersten raten, schon damit du nötigenfalls ein Belebungs- und Erfrischungsmittel zur Hand habest. Du magst es in einem kleinen Flakon bei dir tragen.
Hört, hört
Gruß
Skywise