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Samstag, 10. Januar 2026, 20:16

EUROPAlaver 12, 15, 18: Die Karl May-Hörspiele (I-III)

Hallo zusammen,

ihr habt ja sicher schon im Forum die Beiträge von Julius zum EUROPAlaver-Podcast mitbekommen (siehe hier der Thread im CLH sowie alle Podcasts auf claudius-brac.de), die man nur wärmstens empfehlen kann. Wahnsinnig viele Hintergrundinformationen sowie Beobachtungen und Analysen zu den alten Europa-Hörspielen auf LP. Und wirklich toll anzuhören, dass ich das jetzt erst entdeckt habe!

In den Folgen 12, 15, 18 beschäftigen sich Holger, Karsten und Marcus im Dreiergespräch mit den Phasen der Karl May-Hörspiele bei Europa unter Konrad Halver, Dagmar von Kurmin und Heikedine Körting. Ich habe mir die drei Podcastfolgen, insgesamt umfangreiche 3 Stunden und 45 Minuten (!) mit großem Interesse angehört und würde gerne an der einen oder anderen Stelle einhaken.

Stimme ich bei der Analyse und Beurteilung der meisten Hörspiele der ersten beiden Phasen zu, so bin ich mit der Besprechung von Old Shatterhand 1-2 (aus Phase III mit Heikedine Körting als Produzentin, Skript Peter Folken). Dieser Zweiteiler kommt mit verschiedenen Begründungen vergleichsweise schlecht weg mit folgenden Begründungen:

- zu wenig Handlung ("nur 2, 3 Kapitel") auf zwei Teile gestreckt, zu dünn für 2 Teile;
- Tempo und Dramatik fehlen;
- Besetzung klasse, aber Heinz Trixner fällt als Old Shatterhand gegenüber Michael Poelchau (aus dem Winnetou-Zyklus) ab;
- im 1. Teil passiert kaum was, im 2. Teil wird man von Figuren überschwemmt;
- Jagd nach Fred Morgan zieht sich zu lange hin, er selbst hat bis auf ganz kurze Auftritte keine Funktion;
- Winnetou kommt zu spät in die Handlung;
- Wüstenszene mit dem Trinken des Kojotenblutes ist toll umgesetzt, bringt die Handlung aber überhaupt nicht voran ("Ich glaube, wenn man auf die verzichtet hätte und dann das Hörspiel auf eine Platte gepackt hätte, hätte es auch funktioniert"; "für die Geschichte, die erzählt wird, wird es gar nicht gebraucht", sondern "auf 80 Minuten ausgewalzt");
- nervig seien typische Old Shatterhand-Szenen, in der er kommt und zunächst als Greenhorn und mit kleiner Gestalt unterschätzt wird, dann aber seine Superkräfte durch Schießen, in Notsituationen (Kojotenblut) und Regenmachen im Stil eines Halbgottes zeigt;
- den Indianern wird mit Absicht falsches Deutsch beigebracht (falsche Syntax in "Die Silbersterne sind getreten hervor.");
- ähnlich bei der Darstellung des Caesar, der von Ernst von Klipstein ganz schlecht gesprochen wird: syntaktisch mit gebrochenem Deutsch, bei der Wortwahl aber mit gehobenem Vokabular ("verschmachten"), das passe nicht zueinander;
- Horst Breitner als Erzähler gefällt;
- gelobt wird die stimmungsvolle Musik.

So bedenkenswert die vorgebrachten Eindrücke sind, vermischt die Kritik doch m.E. die grundsätzlichen Ebenen, da die Stellung unseres Stoffes im Gesamtwerk Karl Mays außer Acht gelassen wird. Bei dieser Geschichte handelt es sich nicht um die x-te (und damit irgendwie nervige) Darstellung des Superhelden Old Shatterhand, sondern es ist die Ersteinführung (!) des Charakters Old Shatterhand überhaupt. Die Geschichte wird gerade nicht als die Folge Winnetou III 1aα zwischen der Jagd nach Santer und der Verfolgung der Eisenbahnräuber mit Stephan Moody eingefügt. Wäre es so, dann könnte man sich die 10. Vorstellung der Fähigkeiten Old Shatterhands wirklich sparen. Dadurch aber, dass die Geschichte als in sich geschlossener Zweiteiler präsentiert wird, folgt sie dem Plot und dem literarischen Duktus der ursprünglichen Geschichte, die 1880 unter dem Titel "Deadly dust. Ein Abenteuer aus dem nordamerikanischen Westen von Karl May." im Deutschen Hausschatz als Fortsetzungsroman veröffentlicht wurde (wer reinschauen möchte, ich habe hier einen entsprechenden Auszug erstellt).

Sowohl die Gesammelten Werke Winnetou II und Winnetou III sind ja schnell zusammenredigierte Kompilate alter Einzelstoffe aus verschiedenen Kontexten, wobei Winnetou III dann bei 1893 bei Fehsenfeld erschien. "Old Shatterhand" ist dagegen die Pilotfolge, und die lässt sich dementsprechend viel Zeit, um Charaktere einzuführen, Landschaften mit toller Musik zu (unter)malen und hat demzufolge auch noch nicht voll entwickelte Charaktere so wie z.B. Winnetou in einer Nebenrolle. Und genau aus diesem Grund mag ich auch diese Geschichte so, weil sie sehr stimmungsvoll alles bietet, ohne die sich anbahnende Tragik von Winnetou III voran und und die hektische Verfolgung Santers im Rücken. Es gibt - zumindest für die Hauptpersonen - ein ungetrübtes Happy End, zwischen den einzelnen Episoden wird vom Erzähler Horst Breitner stimmungsvoll übergeleitet. Wollte man jetzt kürzen, wie das z.B. in der MC-Version ja teilweise erfolgt ist, wird es gleich unruhiger und der Duktus der Geschichte wird beschädigt. Alle 4 Kapitel werden gebraucht.

Gleichzeitig muss man berücksichtigen, dass Karl May hier durchaus auch noch Anfänger ist. Eine Frage, die sich stellt, ist allerdings, was die literarische Vorlage Peter Folkens für sein Skript ist. Die Verwendung des Namens Mark Jorrocks spricht dafür, dass Folken die Geschichte zwar isoliert inszeniert hat, ein relativ zeitnahes Exemplar der Gesammelten Werke aber als Textgrundlage genommen hat. Denn irgendwann wurde der bürgerliche Name Sans-Ear von Sam Hawerfield in der ursprünglichen Fassung zu Mark Jorrocks geändert. Ich weiß aber nicht genau, wann. Ich habe einen Band des Gesammelten Werke des Karl May Verlags von 1926, da steht immer noch der ursprüngliche Name. In den heutigen Ausgaben der GW 9 steht aber Mark Jorrocks. Ich vermute, dass irgendwann zwischen 1950 und 1970 hier die Änderung vorgenommen wurde. Vielleicht hat jemand Ausgaben der Gesammelten Werke aus der Zeit, so dass wir die Änderung noch näher lokalisieren können. Die Auflage von 1926 ist Terminus post quem und 1975 ad quem.

Wirklich interessant finde ich dagegen den Kritikpunkt, dass den Indianern und auch Caesar syntaktisch schlechtes Deutsch untergeschoben wird. Die Frage ist, ob man dies den Hörspielmachern ankreiden soll. Schaut man in die Originalfassung, so sieht man, dass in der Szene "Die Silbersterne sind getreten hervor." in den Buchfassungen ganz normales Deutsch steht:

Hörspiel LP Erstauflage:
Doch mein weißer Bruder sehe den Himmel an, die Silbersterne sind getreten hervor. (Indianergesang) Es ist Zeit aufzubrechen, zu der Bucht am Wasser.

Deutscher Hausschatz 6. Jahrgang 1879-1880, 454b:
Jetzt deutete Ka-wo-mien nach den Sternen. „Mein weißer Bruder sehe den Himmel an! Es ist Zeit, nach der Bahn des Feuerrosses zu gehen. Sind die eisernen Hände, welche meine Krieger dem weißen Diener des Rosses genommen haben, stark genug, seine Bahn zu Zerreißen?"

GW 9, 1926, 42:
Jetzt deutete Ka=wo=mien nach den Sternen. „Mein weißer Bruder sehe den Himmel an! Es ist Zeit, nach der Bahn des Feuerrosses zu gehen.

Das mag sich natürlich nachträglich noch geändert haben, vielleicht hat jemand eine Fassung zu Hause, die aus der Zeit 1950-1970 stammt?

Anders als bei dem Indianerhäuptling sieht es dagegen bei dem von Ernst von Klipstein gesprochenen Caesar aus, z.B. in der Szene, als sie Caesar verdurstend in der Wüste finden:

LP (Text nach www.europa-vinyl.de):
C: Massa! Massa? Seien es möglich? Massa Charlie, der ganz viel groß Jäger.
O.S: Ja Caesar ich bin’s. Komm, komm trink das!
C: (Trinkt gierig) Oh das, oh das sein gut. Gut! Aaah gut! Massa Charlie retten arme schwarze Caesar. Ah und Massa, Massa Charlie auch retten Massa Bern, der sonst seien tot.

DH 483b:
„Geht es jetzt besser, Bob?" frug ich ihn.
„Besser, sehr besser, oh, ganz besser." Er stand auf und schien mich erst jetzt zu erkennen.
„Massa, sein es möglich? Massa Charley, der ganz' viel' groß' Jäger!
Oh, Nigger Bob sein froh, daß treffen Massa, denn Massa Charley retten Massa Bern', der sonst sein todt, ganz viel todt."


GW 9, 1926, 88:
„Geht es jetzt besser, Bob?" fragte ich ihn.
„Besser, sehr besser, oh, ganz besser." Er stand auf und schien mich erst jetzt zu erkennen.
„Massa, sein es möglich? Massa Charley, der ganz' viel' groß' Jäger!
Oh, Nigger Bob sein froh, daß treffen Massa, denn Massa
Charley retten Massa Bern', der sonst sein tot, ganz viel tot."

Die Hörbuch-Fassung der GW 9 hat übrigens an dieser Stelle noch den Text von 1926, außer dass "Nigger Bob" zu "Neger Bob" gehändert wurde.

Hier verwendet offensichtlich auch Karl May die rassistischen stereotypen Darstellungsmittel seiner Zeit. Auch Caesar hatte also in den Buchfassungen einen anderen Namen. Vielleicht wurde das Skript hier geändert, um eine Verwechslung mit Bob aus Unter Geiern zu vermeiden? Diese Namensänderung geht aber, anders als bei Sans-Ear alias Sam Hawerfield alias Mark Jorrocks nicht auf den Karl May-Verlag, sondern auf das Skript von Peter Folken zurück. Also müsste man eigentlich ihm den Punkt anlasten, nicht von Klipstein. Denn die Syntax hätte man gut glätten können, ohne der Geschichte etwas zu nehmen.

Soweit erst einmal ein paar ergänzende Überlegungen zu Old Shatterhand 1-2.

Viele Grüße
Bruze (alias Dirk)
Zahlreiche Hörspiel-LPs zum Anschauen und Kaufen

Bruzes Plattenkiste & Hoerspielplatte.de



Julius

Julius

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Dienstag, 20. Januar 2026, 13:58

Moin!

WOW!
Vielen Dank; so intensiv hat sich (zumindest öffentlich bzw. schriftlich) wohl noch nie jemand mit unserem Podcast auseinandergesetzt.
Vielen Dank, wir haben es sehr genossen und via Zoom auch diskutiert (ohne es allerdings mitzuschneiden ;-))

Gruß,
Julius
"Man muss das Lieben, was man macht" (Hans Paetsch)

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